So sah jemand, der helfen wollte,
ein schönes, doch geteiltes Land
Bogdan Pammer / Februar 2006
Wie große Träume durch Teamwork
Boden unter den Füßen bekommen
Als das Schulfest im Juli 2005 auf
uns zukam, hatte ich (Chefredakteur der Schülerzeitung
des BRG Steyr, Oberösterreich) die Sehnsucht einen Beitrag
dafür auf die Beine zu stellen, der über
den schwachen Geist von belegten Brötchen und Cocktailbar
hinausgeht. Diese Gedanken teilten auch andere Redakteure
unserer Schülerzeitung. So wurde in einer lebhaften
Redaktionssitzung die Idee vom "Copyright-Peace-Banner"
geboren. Wir hatten auch die Vision etwas Gutes, das
über die schmalen Grenzen unserer Schule hinausgeht,
zu tun.
Der Plan für unsere Aktion war schließlich,
dass jeder Besucher des Schulfestes einen Stoffflecken
gegen die Spende von einem Euro mit seiner persönlichen
Botschaft für den Frieden versehen konnte. Der Erlös
sollte einem IRFF Projekt in unserer Partnerstadt Bethlehem
zu Gute kommen. Die Stoffflecken wurden zu einem 2 mal
7 Meter Stoffbanner zusammen genäht.
Doch damit endete der Einsatz der
Redakteure nicht. Im neuen Schuljahr publizierten
wir ein Heftchen zu unserem "Copyright-Peace-Banner".
Es beinhaltete die kurze Vorstellung unseres Projektes
für Bethlehem, der Schülerzeitung und IRFF, sowie Zitate
und Gedanken zum Frieden. Durch die Zusammenarbeit mit
Soroptimist International Club Steyr konnten wir diese
Heftchen bei einer Benefizveranstaltung verkaufen.
Schließlich hatten wir es geschafft.
Beinahe 900 € waren bereit, um Familien in Bethlehem
zu unterstützen. Wir hatten im Vorfeld mit Massimo Trombin,
dem Leiter von IRFF Europe geklärt, dass diese Unterstützung
effektiv durch den Kauf von Ziegen für bedürftige Familien
geleistet werden kann. Diese Idee kam von Aimen Kanan,
dem Kontaktmann von IRFF in Bethlehem, der die Situation
der Familien dort sehr gut kennt.
Im Februar 2006 hatte ich
dann die wunderbare Möglichkeit dabei zu sein, als die
Früchte unserer Anstrengungen geerntet wurden…
Tiefe Erlebnisse mit den Kindern
Abrahams
Es ist laut und geschäftig rund
um Jaffa Gate, einem der Tore in die Altstadt Jerusalems.
Die Anzahl der Touristen, die diese in der Geschichte
blutig umkämpfte heilige Stadt dreier Weltreligionen
betreten, ist wieder gestiegen. Nach ein paar
Metern biegen wir in eine kleine Seitengasse ab, bald
öffnet sich vor uns ein kleiner Platz, auf dem einige
kleine Touristengrüppchen verstreut sind. Am anderen
Ende dieses Platzes befindet sie sich, eine der heiligsten
Stätten des Christentums. Die Rede ist von der Grabeskirche
(Jesu) inmitten der Altstadt von Jerusalem. Die Bezeichnung
Kirche für dieses Gebäude ist ein sehr gewagter Ausdruck,
denn es handelt sich vielmehr um ein Konglomerat vieler
kleiner Altäre und Kapellen. Ich folge Massimo durch
den Weihrauchnebel. Als wir von Mönchen in eine Seitenkapelle
gewiesen werden, um einer Prozession den Weg frei zu
machen, habe ich den Überblick über dieses Gebäude gänzlich
verloren. Wenn ich allein wäre, würde es jetzt wohl
eine Zeit dauern, bis ich den Ausgang fände. Es geht
vorbei an dem Spalt, den das Erdbeben verursacht haben
soll, das der Bibel zufolge nach dem Kreuzestod Jesu
Jerusalem erschüttert hat, hinauf in den „ersten Stock“
der Grabeskirche. Hier kann ich 17- bis 18-jährige US-amerikanische
Jugendliche beobachten. Sie befinden sich auf einer
Pilgerfahrt. Die Bibelverse des Pastors, der die jungen
Pilger begleitet, sind jedoch kaum zu vernehmen. Sie
werden vom Weinen, Beten, Schreien dieser jungen Christen
übertönt. Einige fallen auf ihre Knie und falten ihre
Hände.
Die Sonne ist gerade untergegangen.
Sabbat ist zu Ende. Wir passieren den Metalldetektor
zur Klagemauer. Hier haben sich hauptsächlich orthodoxe
Juden eingefunden. Nach einem Tag, der voll und ganz
Jahwe gewidmet wurde, wird hier vor dem größten Heiligtum
des Judentums zusammen aus der Tora gesungen. Es ist
eine ganz eigenartige Stimmung. Ich bin berührt von
dem, was ich sehe. Nach einer emotionellen Erfahrung
mit dem Christentum - nun eine einzigartige Erfahrung
mit seinem älteren Bruder - Judentum.
In Bethlehem
Israel ist grün. Die Vegetation
ist zwar nicht üppig, doch sie ist vorhanden. Die Landschaft
spricht mich an. Doch heute steht der Besuch Bethlehems
an. Wir passieren den Checkpoint ohne große Probleme.
Wir sind „Touristen“. Doch hier in Palästina ist von
der grünen Landschaft, die ich auf der anderen Seite
der Mauer bewundert habe, nichts mehr zu erkennen. Mir
wird unmissverständlich klar, wer in dieser Region die
lebensnotwendigen Ressourcen in der Hand hat.
Wir treffen uns mit Aimen Kanan,
dem Kontaktmann von IRFF in Bethlehem, in dem Souvenir
Shop, wo er arbeitet. Das gesamte Einkommen vieler Familien
in Bethlehem hängt von solchen Shops und somit von den
Touristen ab. Und diese sind rar geworden nach der zweiten
Intifada.
Wir steigen wieder ins Taxi, es
geht weiter ins recht nett herausgeputzte Zentrum von
Bethlehem zum Rathaus. Dort werden wir von Bürgermeister
Dr. Victor Batarseh empfangen. Schon in Steyr hat er
sich bei Copyright für das Engagement im Namen seiner
Mitbürger herzlich bedankt.
Nicht weit vom Zentrum Bethlehems
entfernt befindet sich das Caritas Baby Hospital. Es
ist das einzige Kinderspital in ganz Palästina. Erwin
Schlacher, ein Österreicher, der für das Kinderhospital
im Management tätig ist, empfängt uns. Auch er ist vom
Engagement „so junger Menschen“ für Bethlehem berührt.
In einer Führung durch das sehr ansprechende Hauptgebäude
stellt er uns die Arbeit des Kinderhospitals vor, die
nicht weniger beeindruckend ist. Ich übergebe der Leitung
des Baby Hospitals auch das Copyright-Peace-Banner.
Mit seiner fröhlichen Farbenpracht und den persönlichen
Friedensbotschaften vieler Steyrer soll es die Anteilnahme
Steyrs für seine Partnerstadt Bethlehem ausdrücken und
Hoffnung auf eine friedvolle und glückliche Zukunft,
die möglich ist, nach Bethlehem bringen.
Wir befinden uns in Bethlehem, dem
Geburtsort Jesu. Ein Besuch der Geburtskirche ist da
natürlich eine Pflicht, der wir nachkommen. Dieser Touristenmagnet,
der aufgrund des Nahostkonflikts in den letzten Jahren
an Stärke verloren hat, ist der signifikante Punkt,
durch den sich Bethlehem von seinen kleinen, noch ärmeren
Nachbardörfern abhebt. Ansonsten gibt es in der Westbank
kaum wirtschaftliche Möglichkeiten. Industrie ist gleich
null; das größte Gewerbe, die Olivenholzschnitzerei,
die eine lange Tradition hat, findet jedoch höchstens
bei Touristen einen offenen Geldbeutel. Auch Landwirtschaft
ist aufgrund der Abhängigkeit in der Wasserfrage nur
spärlich entwickelt. Viele Palästinenser müssen daher
täglich den schon genannten Checkpoint passieren. Dieser
wurde erst kürzlich durch eine riesige Halle erweitert,
die allein dazu dient, Palästinenser auf ihrem Weg zur
Arbeit zu überprüfen bzw. warten zu lassen. Aimen Kanan,
der uns nach unserem Besuch im Baby Hospital zu sich
nach Hause zu einem original arabischen Essen einlädt,
ist mit einer viel größeren Schwierigkeit konfrontiert.
Er darf seit dem Jahr 2003 nicht mehr nach Israel einreisen,
was seine Familie bereits schwer in Bedrängnis gebracht
hat. Heute jedoch lässt er groß für seine Gäste aufkochen.
Gastfreundschaft steht für ihn, sowie für den ganzen
arabischen Kulturraum sehr hoch. „Wir essen gerne mit
unseren Freunden aus dem selben Teller“, erklärt Kanan,
während er mit seiner Frau auf einem riesigen Tablett
einen Berg Curryreis, Gemüse und Hühnchen serviert.
Dazu gibt es in kleinen Schüsselchen Salat und frisches
Joghurt. Ich werde nachdenklich, als ich für einen Moment
vom wunderbaren Essen aufblicke und die Umgebung, die
nie fertig gebauten, aber bereits wieder verfallenen
Häuser sehe - die Armut und den nur einen Checkpoint
entfernten Reichtum und Wohlstand. Mir wird klar, welche
Liebe hinter den Gerichten steckt, die unser muslimischer
Bruder mit uns teilt. Aimen Kanan ist der Mann, der
vor Ort in Bethlehem bedürftige Familien kennt und die
Ziegen kauft.
Er führt uns zu einer der beiden
Familien, denen Copyright durch seine Aktion die Möglichkeit
für eine bessere Zukunft gibt. "Die neunköpfige Familie
(sieben Töchter im Alter von 1 bis 12) ist ohne Einkommen,
seitdem der Vater aufgrund seiner schweren Rückenprobleme
nicht mehr arbeiten kann", erklärt Aimen, als wir die
Wohnung betreten, die man bereits einem Slum zuordnen
könnte. Die Kinder haben Angst, verstecken sich hinter
ihrer Mutter. Doch es ist ein gutes Gefühl nach all
den Anstrengungen, die mit dem Projekt verbunden waren,
diese Familie zu sehen und zu wissen, dass ihr effektiv
und langfristig geholfen ist. Die fünf Ziegen sind quasi
die Aktivierungsenergie (um einen chemischen Term zu
verwenden) für zwei Familien, die sich nun selbst durch
ihre eigenen Bemühungen eine bessere Zukunft schaffen
können. Die Ziegen werden durch ihre natürliche Reproduktion
ihren Beitrag leisten.
Als wir am Abend - wieder zurück
in Israel - von den östlichen Hügeln das Panorama von
Jerusalem betrachten, beginnen, knapp bevor die Sonne
ganz hinter dem Horizont verschwindet, über ein Dutzend
Minarette über der "Heiligen Stadt" grün zu leuchten
und der Gesang der Muezzins erfüllt Jerusalem und sein
Umland. Es ist hier heroben still, bis auf diesen Aufruf
zum Gebet, der mich berührt und fasziniert. Mein drittes
Erlebnis mit der jüngsten der drei großen monotheistischen
Weltreligionen, die sich hier im Heiligen Land seit
Jahrhunderten bekriegen und nicht begreifen, dass sie
im Grunde mehr verbindet als trennt.
© bogdan j.w.
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